Samstag, 21. März 2009

Eine Königin und Wohltäterin im Interview
„Es geht auf die Knochen“

Eine der bekanntesten Magdeburgerinnen, die erste Gemahlin Otto des Großen, ist seit Wochen außerhalb der Landehauptstadt unterwegs. Federgeistchen gelang es, Editha in Halle an der Saale aufzuspüren und Ihr einige tiefschürfende Fragen zu stellen und aufschlussreiche Antworten zu entlocken.

Ihre Lieblichkeit, Sie sind im Alter von 1099 Jahren zum ersten Mal in Halle. Warum erst jetzt?

Lassen Sie mich zu Beginn erst einmal Dank sagen an die Stadt, in der ich bislang den Großteil meiner Zeit verbringen durfte. Ich danke den Magdeburgern dafür, dass ich in Ruhe meinem Tag- und Nachtwerk nachgehen konnte. In meiner Lieblingsstadt geht man mit den Prominenten nämlich so um, wie Leute meines Geistes es mögen. Man belästigt uns nicht. Man respektiert unsere Eigenarten. Dieser Starrummel in Halle geht einem hingegen doch ganz schön an die Knochen.

Ich darf Sie an meine Frage erinnern...

Ja, ja, nur nicht so ungeduldig, junger Freund. Also, um es deutlich zu sagen: Ich bin nicht freiwillig hier. Warum hätte ich mir das auch antun sollen? Hier gibt es weder einen richtigen Dom, noch haben jemals Könige hier gewohnt. Man sagt mir nach, ich sei immer gut zu den Armen gewesen – vielleicht verband man aus diesem Grund Hoffnungen mit meiner Anwesenheit. Ich wurde regelrecht entführt und frage mich noch heute, wo meine Magdeburger Beschützer nur ihre Augen und Ohren hatten.

Trotzdem: Sie sind bereits seit mehreren Wochen in Halle. Wie gefällt Ihnen die Stadt heute?

Gesehen habe ich bisher noch nicht viel – eigentlich nur das todschicke Landesmuseum. Hier lagern neuerdings die Reichtümer des Landes. Um diese alle ausgiebig studieren zu können, müsste ich wohl an die tausend Jahre hierbleiben. Wie es auf den Straßen aussieht? Da bin ich auf Erzählungen angewiesen: Es gibt einen Dom ohne Türme, einen Hafen ohne Schiffe und einen Fußballclub ohne Zuschauer. Diesen Mangel an Aussicht will man wohl wettmachen, indem man anderweitig für meine Zerstreuung sorgen möchte: Es werden mir Reisen angeboten nach England und Mainz zum Beispiel. Ich soll am liebsten überall gleichzeitig hinfahren. Aber ich kann mich doch nicht zerteilen!

Wie wir wissen, gibt es in Halle Wissenschaftler, die eben alles über Sie in Erfahrung bringen wollen, liebe Editha. Dafür sparen sie weder Geld noch Mühe.

Und wofür das alles? Für den flüchtigen Ruhm eines Zeitungsfotos! Dafür wollen die Herren der Grabeschaufeln meine Geheimnisse an die Öffentlichkeit zerren. Man will sogar wissen, welches Wasser ich vor über 1.000 Jahren getrunken habe. Das geht nun wirklich niemanden etwas an! Geliebt habe ich jedenfalls immer nur Otto, da werden die besten Wissenschaftler der Welt Gegenteiliges nicht herausbekommen.

Magdeburg, Ihre Morgengabe, hofft auf Ihre baldige Rückkehr. Der Oberbürgermeister lobte Ihre Identität stiftende Rolle für die Elbestadt.

Das höre ich zwar gern, doch fehlt mir der Glaube daran, dass wirklich die ganze Stadt auf mich wartet.

Was kann Magdeburg tun, um Sie vom Gegenteil zu überzeugen?

So Gott will, bin ich noch vor meinem elfhundertsten Geburtstag wieder in meiner Lieblingsstadt. Bis dahin könnten vielleicht einige junge Eltern ihre neugeborenen Mädchen Editha nennen. Das wäre eine feine Geste.

Möchten Sie jemanden in der Heimat grüßen?

Grüße nicht, eine Warnung möchte ich noch übermitteln. Ich habe viel Zeit nachzusinnen und frage mich oft: Was hindert die Ausgräber eigentlich daran, auch die Knochen meines Gemahls Otto zu entweihen und umzulagern? Darum mein Rat: Frauen und Männer in Magdeburg, lasst Euch nicht übertölpeln, seid wachsam! Die Hallenser sind vielleicht schon mitten unter Euch.

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